Reibungslose Migration

Die Markt- und Kundenprozesse im Netzbetrieb sind so etwas wie die Rädchen im Getriebe der Energieversorgung. Den Motor, der diese komplizierte Maschinerie antreibt, im laufenden Betrieb zu ersetzen, stellt fraglos eine erhebliche Herausforderung dar. Detlef Gieselmann, Prokurist der Westfalen Weser Netz GmbH in Paderborn, stand genau vor dieser Aufgabe. „Die Prozesse müssen täglich und absolut zuverlässig laufen. Fehler oder Ausfälle kosten unter Umständen sehr viel Geld“, betont er. Als die Netzgesellschaft 2013 aus dem E.ON-Konzern in kommunale Hände überging, beschloss man, die komplette Marktkommunikation, die bis dahin von der internen Servicegesellschaft der E.ON betreut wurde, aus der gewachsenen Lösung heraus in ein neues IT-System zu überführen. „Wir wollten den Wechsel unseres Prozess-Dienstleisters gleichzeitig nutzen, um die Strukturen und Abläufe zu vereinfachen – und damit letztlich natürlich auch Kosten zu sparen“, berichtet Detlef Gieselmann, der als Projektleiter für die Umstellung verantwortlich war.

Anspruchsvolles Großprojekt

Die Dimensionen des Projekts sind durchaus eindrucksvoll, denn die hinterlegten Prozesse – 578 an der Zahl – betreffen über 700.000 Zählpunkte. Etwa 30.000 Einspeiser und über 300 Lieferanten sind eingebunden; insgesamt werden über die Marktprozesse der Westfalen Weser Netz rund 700 Millionen Euro an Netzentgelten und Einspeisevergütungen bewegt. „Schon die Ausschreibung war mit Abstand eine der größten in diesem Bereich“, sagt Detlef Gieselmann.

Den Zuschlag erhielt die EnBW Energie Baden-Württemberg AG, die Lieferanten, Verteilnetz- und Messstellenbetreiber mit energiewirtschaftlichen Abwicklungsdienstleistungen und Systemlösungen unterstützt. Die einzelnen Module können dabei an den Anforderungen unterschiedlicher Marktrollen und Zielsetzungen ausgerichtet werden. So nutzt die Westfalen Weser Netz etwa bei Bilanzierung, Abrechnung und Wechselprozessen eine Komplettdienstleistung, während die Prozesse im Messtellenbetrieb im eigenen Haus mit der Lösung der EnBW durchgeführt werden. Bei der Lösung handelt es sich um eine Multi-Mandanten- Plattform, die – wie IT-Experte Gieselmann berichtet – einige interessante Besonderheiten bietet. Dazu gehört beispielsweise ein „Master-Mandant“, der dafür sorgt, dass allgemein relevante Änderungen der Marktkommunikation einheitlich für alle betroffenen Nutzerprozesse umgesetzt werden. Anwender können überdies auf Wunsch auf bewährte EnBW-Standardprozesse zurückgreifen, um den Aufwand für Anpassungen im Vorfeld so gering wie möglich zu halten. „Für uns war von vorneherein klar, dass wir weitmöglichst diese EnBW-Prozesse nutzen wollten, um dauerhaft Synergien zu realisieren“, erinnert sich der Prokurist.

Umstellung auf Standardprozesse

Störungsfrei und praktisch unbemerkt überführte Westfalen Weser Netz die Prozesse für mehr als 700.000 Zählpunkte. Foto: Westfalen Weser Energie GmbH & Co. KG

Diese Entscheidung hatte jedoch zur Konsequenz, dass Westfalen Weser Netz zunächst einiges an „Hausaufgaben“ zu bewältigen hatte. Konkret galt es, die eigenen Prozesse zu analysieren und festzustellen, wo Abweichungen von den EnBW-Standards wirklich zwingend erforderlich waren. Unterstützt wurde die Paderborner Netzgesellschaft dabei durch die Quanto AG. Dass in der Folge intern viele Diskussionen geführt wurden, kann man sich unschwer vorstellen. Doch letzten Endes lohnte sich der Aufwand: Lediglich 250 notwendige Abweichungen wurden identifiziert, darunter einige komplexere, etwa im Bereich der Hausanschluss- Prozesse aber auch viele Kleinigkeiten, wie beispielsweise spezielle Formulare. Außerdem gelang es, die vorhandenen Prozesse an einigen Stellen zu bereinigen, indem etwa die Kontenstrukturen angepasst wurden. So vorbereitet, ging es 2016 an die Umsetzung. Gemeinsam mit der Natuvion GmbH aus Walldorf galt es nun, die Bestandsdaten zu separieren, die Prozesse sukzessive zu überführen und die Daten auf die neue Plattform zu migrieren.

Hilfreiche Erfahrungen

Dass die Dienstleistungspartner sowohl mit dem E.ON- als auch mit dem EnBW-System vertraut waren, erwies sich dabei als überaus hilfreich – in der Praxis sehen IT-Landschaften doch oft ganz anders aus als auf dem Papier: „Beide Plattformen basieren zwar auf SAP, unsere bisherige Lösung war aber doch wesentlich stärker angepasst als man sich das zu Beginn vorgestellt hatte“, sagt Detlef Gieselmann. Gleichermaßen nützlich waren die Erfahrungen aus einem kleineren Migrationsprojekt, das unmittelbar nach dem Projektstart 2015 erforderlich geworden war. Der bisherige Dienstleister, die E.ON Kundenservice Netz, hatte nämlich just zu diesem Zeitpunkt eine Migration angekündigt, die die Paderborner so kurz vor dem Systemwechsel nicht mehr durchführen wollten. Aufgrund dieser Entscheidung mussten 100.000 Zählpunkte aus dem Vertrieb sehr kurzfristig in die EnBW-Systemlandschaft überführt werden. Detlef Gieselmann: „Das hat sehr gut geklappt. Das neue System hat prima funktioniert, aber insbesondere die beteiligten Personen haben hervorragende Arbeit geleistet. Auch die E.ON hat uns damals übrigens toll unterstützt.“

Foto: Westfalen Weser Energie GmbH & Co. KG

Testphasen, Generalprobe, Start

Insgesamt drei Testzyklen hatte man bei Westfalen Weser Netz im Migrationsprozess eingeplant, um eventuelle Fehler frühzeitig auszumerzen und erhärtete Projektergebnisse zu gewinnen. „Parallel hatten wir noch einen Formatwechsel und eine relativ umfangreiche regulatorische Änderung bei der Mehr-/Mindermengenabrechnung Gas und Strom umzusetzen“, erinnert sich Gieselmann. Doch alles lief nach Plan, so dass die Produktionsreife bereits zwei Monate vor der geplanten Umstellung gesichert war. Auch die Generalprobe verlief reibungslos und so startete das neue System am 27.2.2017 planmäßig nach nur fünf Tagen Unterbrechung in den Live-Betrieb – einschließlich des Umbaus von 99,8 Prozent aller Anlagen. „Alle zentralen Prozesse der Marktkommunikation sind störungsfrei angelaufen und konnten unmittelbar bedient werden“, erzählt Detlef Gieselmann nicht ohne Stolz. Auch eine vollständige, fehlerfreie Bilanzierung habe man ab der ersten Minute durchführen können. „Niemand hat etwas bemerkt.“ Hinsichtlich der dauerhaften Kosten hat sich die Anstrengung für Westfalen Weser Netz ebenfalls gelohnt, das ursprünglich anvisierte Einsparziel wurde sogar übertroffen. Die EnBW-Plattform wird seitdem kontinuierlich weiterentwickelt, zum Beispiel durch Integration der Prozesse für das intelligente Messwesen.

Kontakt: Westfalen Weser Netz GmbH, Detlef Gieselmann, 33102 Paderborn, Tel. +49 5251-503 – 0, detlef.gieselmann@ww-energie.com

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