Das Gandhigram Rural Institute (GRI) im indischen Tamil Nadu wird zum Standort eines modernen Querverbundunternehmens. Foto: Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH

Stadtwerk nach deutschem Vorbild

In Indien realisieren die Stadtwerke Schwäbisch Hall ein bislang einmaliges Infrastrukturprojekt, das nicht zuletzt auch Marktzugänge öffnen soll.

Das Gandhigram Rural Institute (GRI) im Süden Indiens gilt als Elitecampus. Leben und Lernen gestalten sich für die rund 3.000 Studenten und 1.000 Mitarbeitern gleichwohl beschwerlich. Immer wieder kommt es zu Ausfällen der Strom- und Wasserversorgung, die Trinkwassergewinnung kollidiert mit der Abwasserentsorgung. Grundlegend bessern soll sich die Situation auf dem Campus durch den Aufbau einer komplett neuen Versorgungsinfrastruktur, die durch ein Stadtwerk nach deutschem Vorbild betrieben und verwaltet wird. Einer Machbarkeitsstudie zufolge ist eine weitgehende Selbstversorgung des Campus mit Hilfe erneuerbarer Energien möglich.

Federführend gesteuert wird das Projekt von den Stadtwerken Schwäbisch Hall. Nun werden aktive Mitstreiter gesucht, die im Gegenzug an den neu entstehenden Stadtwerken Gandhigram beteiligt werden. „Indien ist ein gigantischer und noch weitgehend unerschlossener Markt für smarte, ökologische Ver- und Entsorgungslösungen“, erläutert Peter Breuning, Abteilungsleiter für Netzleittechnik bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall und Gesamtprojektleiter.

Die aktuelle Situation

Das Campus-Areal des GRI erstreckt sich über rund 0,84 Quadratkilometer und liegt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Dort scheint die Sonne im Jahr durchschnittlich ca. 2.700 Stunden lang. Der Stromleistungsbedarf der Lehreinrichtungen und Studentenunterkünfte des GRI liegt in der Spitze bei bis zu 1 MW. Der Campus stellt ein geschlossenes System der Strom- und Wasserversorgung dar, wie es in Indien rund 1.000 weitere gibt. Stromseitig ist das GRI mit dem Netz des regionalen staatlichen Stromversorgers verbunden. Täglich wiederholt auftretende Unterbrechungen der Stromversorgung durch Netzüberlastung stören den Campusbetrieb und erschweren die Kühlung von Nahrungsmitteln. Schaltvorgänge müssen auf dem Campus mühsam von Hand ausgeführt werden.

Die Wasserversorgung des GRI basiert auf Tiefbrunnen, die aufgrund des Klimawandels keine Versorgungssicherheit mehr bieten. Das aus den Tiefbrunnen gewonnene Wasser hat überdies keine Trinkwasserqualität. Auch die Abwasserentsorgung entspricht nicht modernen Hygienestandards, da keine Kläranlage existiert. Die Abwässer versickern in der Nähe der Tiefbrunnen, wo das Nutzwasser gewonnen wird.

Geplante Maßnahmen

Für die Stromversorgung sollen PV-Dachanlagen und ergänzend Windgeneratoren auf 25 Gebäuden sorgen. Biogasanlagen, die mit den Abfällen des Campus und der regionalen Landwirte betrieben werden, sollen zusätzlich zur Energiegewinnung per Kraft-Wärme- Kopplung beitragen. Außerdem ist eine thermische Vorrichtung in Planung, die Abfallwärme nutzt und sie in kühle Luft zur Klimatisierung der Gebäude umwandelt. Generell ist ein Neubau des gesamten Mittel- und Niederspannungsnetzes sowie der Kälteverteilung vorgesehen. Daneben wird es für die Heißwasserversorgung vier Wärmespeicher geben, die bei Stromüberschuss über einen elektrischen Heizstab versorgt werden. Schließlich sollen ein Glasfasernetz mit 2 GB Übertragungsleistung und freiem WLAN-Zugang sowie eine Satellitenrundfunk-Empfangsanlage für über 200 Fernsehprogramme eingerichtet werden. Alle Leitungen sollen unterirdisch verlegt werden. Zusätzlich werden alle Gebäude mit einem Smart Meter, also einem intelligenten Zähler, ausgestattet.

Die Stromversorgung und -verteilung wird komplett neu aufgesetzt. Foto: Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH

Für sauberes Wasser soll künftig eine moderne Kläranlage sorgen. Um die Versorgung sicherzustellen, wird ein vier Meter tiefer See auf einer Fläche von 14.000 Quadratmetern angelegt, der gleichzeitig als Naherholungsgebiet genutzt werden kann. Im See wird Regenwasser gesammelt und mit Sauerstoff versetzt – das Fassungsvermögen von 160 Millionen Liter soll den Wasserbedarf von bis zu 400 Tagen decken können. Rund um den See will man einen Vorfluter installieren, der den Überlauf des Sees auffängt. Nach der Reinigung des Seewassers durch eine Wasseraufbereitungsanlage ist es separat für die allgemeine Wassernutzung und die Toiletten vorgesehen. Das Abwasser der Toiletten wird gereinigt, bevor es zu den allgemeinen Abwässern geleitet wird. Diese werden in Wasserzisternen zusammen mit Regenwasser gesammelt und bei Bedarf mit Wasser aus dem Vorfluter vermischt. Eine neue Leitung mit Zapfstellen zur Bewässerung der Pflanzen mit dem Zisternenwasser sowie ein Wasserhochbehälter sind ebenfalls geplant.

Elektromobilität und Kunden-App

Im Rahmen des Gesamtprojekts sollen alle Verbrennungsmotoren vom Gelände verbannt und durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden, die an eigens errichteten Ladesäulen selbst produzierten Strom tanken können. Für die Buchung und Abrechnung ist eine neue GRIApp vorgesehen, über die auch Strom, Heißwasser, Kälte, Internet und Fernsehempfang bestellt werden können. „Diese Maßnahmen tragen dazu bei, ein Bewusstsein für eine verantwortungsvolle und nachhaltige Ressourcennutzung zu schaffen“, ergänzt Projektleiter Peter Breuning. Willkommener Nebeneffekt: Durch die Umsetzung des Projekts entstehen Arbeitsplätze in der Region.

Die Feinplanung des Projekts wurde Ende 2017 abgeschlossen. Bereits seit Oktober 2017 sind vier Trafostationen und der Wasserhochbehälter in Gandhigram an das Netzführungssystem der Stadtwerke Schwäbisch Hall angeschlossen, sodass der Gesamtbezug von Wasser und Strom jederzeit online einsehbar ist und Lastgangprofile erstellt werden können. Dank dieser Vernetzung und des Supports aus Schwäbisch Hall wird das neue Stadtwerk in Gandhigram nach derzeitigen Planungen mit vier Mitarbeitern auskommen, die sich vor Ort um die Verbrauchsabrechnung und andere administrative Prozesse sowie um die Wartung und Instandhaltung der Anlagen kümmern. Zu den verschiedenen Technologien werden die Studenten der Fakultät für Erneuerbare Energien Schulungen von iPLON erhalten.

Kontakt: Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH, Peter Breuning, 74523 Schwäbisch Hall, Tel. +49 (0) 791-401 300, gandhigram@stadtwerke-hall.de

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