BO4E: Anregung zum Nachdenken

Energieversorger und Softwaredienstleister diskutierten im Oktober über die Zukunft der IT und wie die etablierte Energiewirtschaft zum „Rennpferd“ werden kann – mit Hilfe von „Business Objects for Energy“. Elf erwartungsvolle Teilnehmerinnen und Teilnehmer – Repräsentanten der Energieversorgungsunternehmen (EVU) Innogy, Mainova und Lekker Energie sowie der Softwaredienstleister Kisters, Klafka & Hinz sowie Soptim – trafen sich im Oktober 2018 in Düsseldorf auf einer Informationsveranstaltung der Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V. Gastgeber waren außerdem die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft pwc – Pricewater-houseCoopers – sowie die Cursor Software AG, beide Mitglied der Interessengemeinschaft. Unter dem Titel „Geschäftsobjekte für zukunftsorientierte Prozesse in der Energiewirtschaft“ informierte die Interessengemeinschaft die Teilnehmer über den neuen IT-Standard „Business Objects for Energy“ (BO4E).

Foto: Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V.

Diese „Geschäftsobjekte für die Energiewirtschaft“ repräsentieren eine neue Norm, nach der Softwareapplikationen, die von den Versorgern innerbetrieblich eingesetzt werden – zum Beispiel zur Stammdatenverwaltung oder Angebotserstellung –, künftig entwickelt werden sollen. Ein entsprechendes Standardwerk gibt die Interessengemeinschaft kostenlos heraus. Dabei geht es nicht etwa um die Vereinheitlichung der Funktionen oder Inhalte von Apps. Es geht darum, dass sich die verschiedensten Applikationen – auch wenn sie von mehreren Herstellern stammen – untereinander sofort verstehen, sprich Daten reibungslos austauschen können: Peter Martin Schroer, Vorsitzender der als gemeinnütziger Verein anerkannten Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft: „BO4E sind die Brückenbauer in jeder x-beliebigen Softwarearchitektur eines EVU. Sie leisten dies, indem sie individuelle Schnittstellen zwischen den Apps einfach abschaffen und gegen einen gemeinsamen, offenen Kommunikationsstandard ersetzen.“ Innovationsdruck trifft auf Unbeweglichkeit „Wir müssen ständig neue Geschäftsfelder suchen“, argumentierten drei Vertreter von Innogy entsprechend einhellig, „da sind die Business Objects for Energy aus strategischer Sicht sehr interessant.“ Ob sich der neue IT-Standard aber so schnell etablieren lässt, wie es sich die Protagonisten wünschen, ließ Zweifel in der Runde aufkommen. „Wir haben immer noch den Hang zu Monolithen“, stellte es Johannes Brüssermann, Geschäftsführer der Mainova Services Gesellschaft, bildlich dar und verwies auf gegenwärtig homogene, weitgehend unbewegliche IT-Strukturen, die die Energieversorger an einen oder wenige Softwareanbieter binden. Diese Situation mit Hilfe von „Business Objects for Energy“ aufzubrechen und dem Versorger damit mehr Freiheit bei der Ausgestaltung seiner Softwarelandschaft zu geben, ist ein Zukunftsszenario, das vermutlich noch einige Jahre auf sich warten lässt.

„Die Energiewirtschaft ist eben kein Rennpferd“, resümierte Brüssermann vorläufig. „Und hat Furcht vor zu viel Veränderung innerhalb kürzester Zeit, verbunden mit der Verantwortung, zu diesem Neuen auch tatsächlich zu stehen“ – so die allgemeine Ansicht des Forums.

Zu den angesprochenen neuen Geschäftsbereichen gehören die Themenkomplexe E-Mobility, Smart Home und weitere digitale Assets, wie Florian Kury, Manager bei pwc – Pricewaterhouse Coopers herausstellte, aber zum Beispiel auch der Einsatz erneuerbarer Energien in Verbindung mit angepassten Netzbetriebsstrategien. Jürgen Heidak, Vorstand Consulting der Cursor Software AG führte aus, dass für die Umsetzung zigtausende Applikationen genutzt werden. Und jede dieser Applikationen tauscht Daten mit anderen Applikationen aus. Mit der Folge eines enormen Aufkommens von Schnittstellen. „Die Programmierung von Schnittstellen ist bis dato ein sehr aufwändiger Prozess“, erläutert Peter Martin Schroer und fährt fort: „Und wenn diese Schnittstellen dann existieren, stören sie nicht selten den Datenfluss, weil immer noch Inkompatibilitäten auftauchen.“ BO4E-taugliche Apps sollen hingegen auf Anhieb funktionieren: Für jeden Anwender bedeute dies ein großes Plus an Prozesssicherheit, Schnelligkeit und Komfort – bei zugleich erheblichen Kostenersparnissen durch den Wegfall von Programmieraufwendungen. Und es werden mit einem Mal heterogene Softwarearchitekturen möglich, die aufgrund von Schnittstellenproblemen vorher nur schwer oder gar nicht zu realisieren waren.

Angesichts dieser Perspektive gingen die Teilnehmer durchaus wohlwollend, aber auch nachdenklich aus der Veranstaltung heraus. Ein Erfolg für die Organisatoren, die die berechtige Hoffnung hegen, dass sich die Energiewirtschaft bewegt – und vielleicht doch noch zum „Rennpferd“ wird.

www.bo4e.de

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