INTEGRIERTE MOBILITÄT

INTEGRIERTE MOBILITÄT

Die Elektromobilität wächst rasant: Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 681.000 Elektroautos neu zugelassen, so die aktuellen Zahlen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW). Hierzulande sind laut ZSW derzeit rund 1,2 Millionen Elektro-PKW auf den Straßen unterwegs, weltweit sollen es über 17 Millionen sein. Der Trend zu Elektrofahrzeugen wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren anhalten, dafür sorgen staatliche Förderprogramme, eine größere Modellauswahl und höhere Reichweiten. Auch für die Versorger sind die steigenden Zulassungszahlen eine gute Nachricht, schließlich sitzt in jedem Elektroauto ein Stromabnehmer. Mit ihren Kundenbeziehungen in die Kommunen und Immobilienwirtschaft, zu Gewerbebetrieben und Privathaushalten stellen sich Stadtwerke und Versorger zunehmend auch als Lösungsanbieter auf.

Vor allem beim Ausbau der Ladeinfrastruktur und bei der Integration der Elektrofahrzeuge in die Verteilnetze sind jedoch noch einige Hürden zu überwinden.

Laut Bundesnetzagentur gibt es hierzulande derzeit rund 52.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte. Bis 2030 soll diese Zahl auf 1 Million anwachsen, um die von der Bundesregierung anvisierten 15 Millionen E-Autos im öffentlichen Raum versorgen zu können. Des Weiteren werden mehr Lademöglichkeiten zuhause und am Arbeitsplatz erforderlich sein. Die meisten Stadtwerke haben erkannt, dass sie als Betreiber der Ladeinfrastruktur in ihrem Versorgungsgebiet und als Energiedienstleister aktiver werden müssen. Hierzu zählen unter anderem passende Angebote für Privat- und Gewerbekunden, Immobilieneigentümer, Liegenschaftsbetreiber und Kommunen.

KONKURRENZ UM FLÄCHEN

Dabei erweist es sich bereits als Herausforderung, geeignete Flächen für öffentliche Ladesäulen zu finden, da gleichzeitig auch Platz für mehr Fahrradwege, Bushaltestellen und Parkplätze geschaffen werden soll. Bereits 2019 hatte die damalige Bundesregierung im Masterplan Ladeinfrastruktur die Erstellung eines Flächenatlas beschlossen. Die Datenbasis für diesen Atlas stellt das sogenannte „FlächenTOOL“ dar, hierbei handelt es sich um eine Online-Plattform der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur. In diesem FlächenTOOL sollen Liegenschaften des Bundes, der Länder und Kommunen sowie von Unternehmen erfasst werden, damit Projektentwickler diese Flächen prüfen und Angebote für den Aufbau von Ladesäulen einreichen können. Derzeit weist das Tool lediglich 1.052 Liegenschaften aus, darunter keine Flächen des Bundes. Seitens der Bundesländer wurden bislang drei Standorte gemeldet. Bei den Kommunen und kommunalen Unternehmen liegt diese Zahl immerhin bei 729 – bei insgesamt 10.000 Kommunen hierzu- lande besteht aber noch erhebliches Mobilierungspotenzial.

VERTEILNETZ SETZT GRENZEN

Während der Ausbau des Schnellladenetzes entlang der Fernverkehrsstraßen den Betreibern zufolge zügig voranschreitet, geht es bei (Schnell-)Ladestationen in ländlichen Regionen und urbanen Räumen nur langsam voran. Dabei zeigen Umfragen, dass E-Autofahrer:innen und potenzielle Käufer:innen diese Ladeangebote vor Supermärkten oder am Firmenstandort durchaus begrüßen würden. Vielerorts setzt das Verteilnetz jedoch Grenzen beim Ladeinfrastrukturausbau – doch es gibt Lösungsansätze.

LADEMANAGEMENT, SPEICHER UND PV

Eine zentrale Komponente ist hier die Intelligenz diesseits oder jenseits des Netzanschlusses, also ein dynamisches Last-/ Lademanagement, das die verfügbare Leistung entweder gleichmäßig aufteilt oder Ladevorgänge priorisiert, so dass die Ladebedürfnisse der Nutzer:innen erfüllt werden können, ohne das Netz zu überlasten. Ladestationen mit integriertem Batteriespeicher, an denen mehrere Fahrzeuge auch mit hoher Ladeleistung parallel netzverträglich laden können, sind bereits im öffentlichen Raum in Betrieb. Die Kombination mit Photovoltaik-Anlagen erhöht die Spielräume weiter. Angeschlossene Elektroautos werden dann vorrangig mit überschüssigem Strom aus der Solaranlage geladen. Ist nicht ausreichend PV-Strom vorhanden, springt der Batteriespeicher ein, der zuvor mit überschüssigem Solarstrom geladen wurde. Dieses Zusammenspiel zwischen Ladestationen, Solaranlage, Speicher und einem Energiemanagementsystem wird in Einfamilienhäusern und Wohnquartieren bereits umgesetzt, ebenso in Parkhäusern und bei großen Fuhrparks.

Mittelfristig wird es an vielen Orten ohne Lastmanagement respektive Steuerung nicht funktionieren. Viele Versorger, Netzbetreiber und auch die Autohersteller erhoffen sich von der Politik, zeitnah klare Rechtsgrundlagen zu schaffen. Mit einer rechtsverbindlichen Entscheidung zur Novelle von § 14a EnWG sollen Netzbetreiber steuerbare Lasten wie Ladesäulen, Wärmepumpen und Heimspeicher netzdienlich regeln dürfen. Im Gegenzug sollen Kunden finanziell belohnt werden, wenn sie bereit sind, zeitliche Verschiebungen oder Leistungsbegrenzungen beim Ladevorgang in Kauf zu nehmen.

E-AUTOS ALS SPEICHER NUTZEN

Wenn Elektroautos mehrere Stunden an einem Ort stehen, macht es Sinn, ihre Batteriekapazitäten zur Stabilisierung der Netze zu nutzen. Verteilnetz- und Übertragungsnetzbetreiber signalisieren grundsätzlich Interesse, den Regelleistungsmarkt für Elektrofahrzeuge zu öffnen, damit auch diese Regelleistung analog zu stationären Speichern erbringen können. Um Konzepte rund um bidirektionales Laden auch tatsächlich umzusetzen, sind noch Fragen zu Batterietechnik, Regulatorik, Cybersicherheit und Kommunikationsprotokollen zu klären.

Perspektivisch braucht es ein Gesamtsystem, in dem Netzbetreiber die bereitgestellte Leistung flexibel mit dezentralen Erzeugern, Speichern und steuerbaren Lasten in Einklang bringen. Dabei wird das Smart Meter Gateway als Datendrehscheibe und sichere Kommunikationsschnittstelle eine wesentliche Rolle spielen. Beim Rollout ringt die Branche jedoch noch mit einigen Problemen – und das teilweise seit vielen Jahren. Technisch wäre hier bereits vieles möglich, die Marktpartner erhoffen sich stärkere Impulse von der Politik.

Im Branchenguide Elektromobilität 2022/2023 zeigen wir auf, welche konkreten Projekte und Konzepte bereits umgesetzt werden und wie die Marktpartner die Sektorenkopplung voranbringen. (ds)