SMGW von Theben: Virtuelles Bürgerkraftwerk erprobt Strom-Community für Endkunden

12.02.2020 – Die EWS Elektrizitätswerke Schönau eG erproben eine Strom-Community für Endkunden, die über das intelligente Messsystem umgesetzt wird. Wesentlicher Baustein ist das Smart Meter Gateway von Theben.

Wenn sich ein relativ kleiner Versorger mit neuen Formen des Flexibilitätsmanagements und der Vermarktung von regenerativ erzeugtem Strom beschäftigt, mag dies zunächst erstaunen. Doch ein Blick in die Geschichte der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) verdeutlicht die Hintergründe: Aufgerüttelt durch die Atomkatastrophe in Tschernobyl hatten sich Ende der 1980er Jahre etwa 650 Bürger der Region zusammengeschlossen, um gemeinschaftlich neue Wege der Stromversorgung ins Werk zu setzen. Nach der formellen Gründung der EWS 1994 erkämpfte sich die Energiegenossenschaft drei Jahre später die Konzession für das örtliche Stromnetz, seit 1998 liefern die EWS bundesweit Ökostrom – heute an rund 212.000 Kunden. „Die dezentrale Stromversorgung aus regenerativen Quellen und der Community-Gedanke sind Teil unserer Identität“, sagt Thies Stillahn, der bei der EWS den Bereich Strategische Geschäftsentwicklung leitet. „Alternative Vermarktungsstrategien stehen kurz vor dem Ende der EEG-Förderung bei uns natürlich weit oben auf der Agenda“, erläutert er. Gleichzeitig gewinne das Thema Flexibilitäten am Energiemarkt an Bedeutung – auch mit Blick auf die Anforderungen in den Verteilnetzen. „Wir sind überzeugt, dass auch kleinere Anlagen interessante Potenziale bergen und wir wollen unseren Kunden die Möglichkeit bieten, diese zu erschließen“, führt Stillahn aus.

LOKALE STROM-COMMUNITY

Modellprojekt „Virtuelles Bürgerkraftwerk“ der EWS (Grafik: Elektrizitätswerke Schönau eG, shutterstock)

Um diese Potenziale auszuloten, testen die EWS im Rahmen eines Modellprojekts derzeit das Konzept eines sogenannten virtuellen Bürgerkraftwerks: Teilnehmende Kunden bündeln dabei ihre Einspeise- und Verbrauchsanlagen in einem zukünftig intelligent vernetzten Pool. Über diese Infrastruktur will die EWS nicht nur eine Optimierung des Eigenverbrauchs der Teilnehmer, sondern zudem auch eine Vermarktung der verfügbaren Überschüsse respektive Flexibilitäten organisieren. Aktuell sind 27 Kunden eingebunden, das Spektrum der integrierten Anlagen reicht von PV-Anlagen mit insgesamt 370 kWp Leistung über unterschiedliche Speicher, BHKW und Brennstoffzellen bis hin zu Elektrofahrzeugen. Auch Mieterstrom-Objekte und Nahwärmenetze gehören zum Pool. Für Thies Stillahn ist der dezentrale Ansatz auch deshalb sinnvoll, weil er die Möglichkeit bietet, die Teilnehmer aktiv in die Energiewende einzubinden. „Die Kunden sehen, was in ihrem Objekt und ihrer Gemeinschaft passiert, das stärkt die Identifikation und das Bewusstsein der Menschen.“

Die Rolle der EWS in der dezentralen Gemeinschaft, deren Teilnehmer übrigens aus fünf Netzgebieten kommen, beschreibt Thies Stillahn als „Vermittler zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Markt“. In dieser Eigenschaft übernimmt der Schönauer Versorger die Vermarktung und liefert Strom bei Unterdeckung. Insbesondere aber betreiben die EWS die technische Infrastruktur, über die die Kundenanlagen in die Stromgemeinschaft eingebunden werden.

INTELLIGENZ UND SICHERHEIT

Im Kern dieser Infrastruktur steht das intelligente Messsystem. „Damit eine solche Plattform funktionieren kann, benötigen wir natürlich exakte Einspeise- und Verbrauchsdaten. Das intelligente Messsystem stellt uns diese Informationen zur Verfügung – aktuell im 15-Minuten-Takt“, berichtet Stillahn. Noch wichtiger jedoch ist ihm die Eichrechtskonformität und hochsichere Datenkommunikation des Smart Meter Gateways, die für den EWS-Abteilungsleiter ein echtes Alleinstellungsmerkmal am Markt darstellt. „Für unsere Kunden ist es sehr wichtig, dass ihre Daten und die Anlagensteuerung in vertrauenswürdigen Händen sind“, weiß er aus vielen Gesprächen. Die „Intelligenz“ des Systems, also die Software, die die Kundenanlagen steuert, kommt von der Münchener coneva GmbH, einem Corporate Start-Up der SMA Solar Technology AG. Um sie an die Anschlussstellen zu bringen, setzt die EWS auf das Smart Meter Gateway Conexa 3.0 von Theben. „Wir eröffnen Versorgern mit unserem Mehrwert-Modul die Möglichkeit, praktisch beliebige Softwarelösungen in die Infrastruktur des intelligenten Messsystems einzubinden“, erläutert Steffen Hornung, Team Leader Field Application Management bei Theben, der selbst Testkunde der EWS-Strom Community ist. Auch eine passende CLS-Box für die Anlagensteuerung hat Theben im Portfolio. „Mit dem Rollout können die entsprechenden Mehrwertdienste direkt für alle Haushalte verfügbar gemacht werden, ohne dass uns ein nennenswerter Mehraufwand entsteht“, stellt Thies Stillahn fest. Das hat nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern ermöglicht es auch, die Kunden durch sinnvolle Angebote vertrieblich zu binden und in die netzrelevanten Prozesse einzubinden.

ERFAHRUNGEN FÜR DEN ROLLOUT

Über eine Kunden-App können die Teilnehmer die Energieflüsse jeder- zeit verfolgen. (Foto: EWS Elektrizitätswerke Schönau eG

Für den operativen Teil, sprich den Einbau der Komponenten sowie die Auslesung und Verarbeitung der Verbrauchs- und Einspeisemesswerte, zeichnet sich die EE Infratech GmbH verantwortlich. Das Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft der EWS und der EGT Energie GmbH, eines langjährig erfahrenen Energiedienstleisters für Industrie- und Gewerbekunden. Im Projekt agiert die EE Infratech GmbH als wettbewerblicher Messstellenbetreiber. „Für uns ist das Projekt natürlich gerade mit Blick auf die Prozesse rund um den Rollout interessant“, berichtet Hartmut Burger, der den Messstellenbetrieb leitet. Konkret geht es dabei um die Anmeldung der Zählerwechsel per WiM-Prozess, die Installation und Inbetriebnahme der intelligenten Messsysteme, die Auslesung der Zähler über das Smart Meter Gateway Conexa 3.0 sowie die Bereitstellung der Messwerte an die EWS und weitere berechtigte Marktpartner. Die Gateway-Administration obliegt der co.met aus Saarbrücken.

Die technische Infrastruktur ist inzwischen bei den Teilnehmern verbaut, die Messwertverarbeitung, Visualierung und erste Steuerungen sind umgesetzt. Die Lösung funktioniert, wie auch Testkunde Steffen Hornung bestätigt, ausgezeichnet. Auch die EWS ist mit dem bisherigen Verlauf sehr zufrieden, aktuell arbeiten die Partner noch an der technischen Verfeinerung der Steuerungsparameter. „Das Modellprojekt wird noch mindestens drei Jahre laufen“, so Thies Stillahn. „Da werden wir noch einiges testen und erfahren können.“ Auch für das Bilanzkreismanagement verspricht er sich wertvolle Erkenntnisse: „Regulatorisch dürfen wir die Fahrpläne bis zu einer Viertelstunde vor der Erfüllung korrigieren – technisch ginge möglicherweise mehr.“ Vertrieblich scheint das Konzept ebenfalls gut anzukommen: Die Resonanz bei den regionalen Kunden war so hoch, dass Stillahn sich vorstellen könnte, eine bundesweite Strom-Community anzubieten. „Genau diese Anwendungen zeigen, welche Mehrwerte das intelligente Messsystem bieten kann“, freut sich Steffen Hornung, der in dem erfolgreich gestarteten Projekt auch eine Bestätigung für das Gesamtkonzept der Conexa 3.0 sieht. (pq)

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